Lauter verlorene Kinder

„Alles bleibt gleich.“ Das hat der Bielefelder Rapper KaynBock richtig erkannt. Wir verändern uns zwar äußerlich, aber unsere Interessen und Vorlieben bleiben dieselben. Anstelle von Porzellanstaubfängern und Familienportraits, schmücken Vinylstatuen und Science-Fiction Replikate unsere Wohnungen. Nicht selten sucht einen das Gefühl heim, dies sei das Zeitalter der „jungen Alten“, denn Älterwerden bedeutet nicht zwangsläufig Erwachsenwerden. Auf seinem ersten Album Astronaut greift KaynBock dieses allgegenwärtige Phänomen der „alten Kinder“ auf. „Keine Gewinner, leben noch immer in Kinderzimmern“, lautet dort einen Textzeile und jeder Betroffene weiß sofort, was der Künstler damit meint. Die Rede ist von zweckmäßigen Behausungen, denen es an Stil und Behaglichkeit mangelt. Jesse Pinkmans Einrichtung in der dritten Staffel von Breaking Bad beschränkt sich auf zwei Verstärker, ein Bett und einen gigantischen Fernseher, doch wir nehmen ihm diesen spartanischen Lebensstil nicht übel. Wahrscheinlich schlafen einige „junge Alte“ noch mit dreißig in Hochbetten, auf Europaletten oder in Schlafsäcken, weil es einfach praktisch ist.

Selbstkritisch reflektiert KaynBock auf Astronaut das vermeintliche Ende seiner Jugend. Im Song Steine wird die innere Not nach Veränderung wie folgt beschrieben: „Ich bin jetzt Mitte zwanzig, seh aus wie Anfang dreißig. Benehmen wie sechszehn, es wird langsam peinlich.“ Ein recht ähnliches Bild präsentiert uns Rockstah auf seinem Album Pubertät. Er geht davon aus, dass seine Reifezeit erst mit 28 beginnt. Der Ansatz auf Pubertät ist dabei weniger ernst und karikiert das Phänomen des späten Erwachsenwerdens eher als es zu kritisieren. Wer nach melancholischen Aspekten innerhalb dieser ironischen Selbstanalyse Ausschau hält, wird dennoch fündig, denn das Motiv des Astronauten findet sich auch auf Rockstahs Album in einem gleichnamigen Song wieder. Der Text von Rockstahs Astronaut ist ein wunderbar kitschiges Plädoyer für die Bewahrung unserer Leidenschaften und Phantasien. Der Künstler beschreibt sich selbst metaphorisch als Tootles, einen alten Knaben, der seine Murmeln und seinen Verstand verloren hat. Die Identifikation mit einem verlorenen Jungen, der Nimmerland verlassen musste und nun aufgrund seines jugendlichen Geistes in der Welt der Erwachsenen als verrückt erachtet wird, verdeutlicht anschaulich die unrechtmäßige Stigmatisierung der „jungen Alten“.

Gesellschaftliche Anerkennung kann häufig nur dann erfolgen, wenn das Individuum einen nachvollziehbaren Beitrag für das Gelingen und die Verbesserung der Gemeinschaft erbringt. Kindliches Denken und Handeln werden dieser Maßgabe leider nicht immer gerecht und so trifft es ein weiterer deutscher Künstler mit Namen 3Plusss genau auf den Punkt, wenn er rappt: „Auf meine Weise bin ich ein Arbeitstier, denn ich mach immerzu Sachen, die nur ein paar kapier’n.“ So lang man sich imstande fühlt, das eigene Schaffen – trotz ausbleibender Bestätigung durch Andere – wertzuschätzen, bleibt dieser Zusammenhang unproblematisch. Sobald Wert und Bedeutung der Beschäftigung in Frage gestellt werden, kommt es allerdings zur Krise. „Reden viel, sagen nichts. Lebensstil – fragwürdig.“, so beschreibt Casper 2011 die deutsche Jugend. Perspektivenlos, weil das meiste subjektiv als relevant Erachtete keine messbare Bedeutung hat. Bleibt nur zu hoffen, dass der gesellschaftliche Druck nicht alle kindlichen Geister bricht, stattdessen aber Versuche unternommen werden, die „weltfremden jungen Alten“ sinnvoll zu integrieren.

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